Carmen Druyen – Kooperatives Lernen und Inklusion

Neue Herausforderungen

Die Forderung nach dem Aufbau eines „inklusiven“ Schulsystems, wie es im „Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte der Menschen mit Behinderungen“ gefordert wird und für die Bundesrepublik Deutschland 2009 in Kraft getreten ist, stellt Lehrerinnen und Lehrer vor neue Aufgaben. Ein inklusives Bildungssystem hat die Aufgabe, das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung „ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen“. Diese Verwirklichung stellt für viele Lehrerinnen und Lehrer vor Schwierigkeiten, sie fühlen sich auf diese Herausforderung nicht vorbereitet. In inklusiven Gruppen kann frontal geführter Unterricht nicht funktionieren. Die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler zwingen zum Umdenken.

Welchen Beitrag kann Kooperatives Lernen leisten?

Wie Studien zeigen spielt die leistungsbezogene Zusammensetzung kooperativer Lerngruppen eine wichtige Rolle für den Lernerfolg. Meta-Analysen weisen darauf hin, dass Kinder mit schlechten Leistungen am meisten in leistungsheterogenen Gruppen und leistungsstarke Schüler sowohl in leistungshomogenen als auch in heterogenen Gruppen lernen (Lou, Abrami, Spence, Poulsen, Chambers & d’Apollonia, 1996). Auch die Leistungsmotivation von lernschwachen Kindern veränderte sich in leistungsheterogenen Gruppen positiv (Saleh, Lazonder und de Jong, 2005). Es ist daher wichtig, dass Lehrerinnen und Lehrer die Lernbedürfnisse der einzelnen Schüler genau einschätzen und die Gruppen heterogen förderlich zusammenzusetzen, wobei fachliche, kognitive, soziale und  ggf. auch physische Faktoren zu berücksichtigen sind.

Kooperatives Lernen ist darauf angelegt, unterschiedliche Fähigkeits- und Leistungsniveaus der Schülerinnen und Schüler im Unterrichtsgeschehen zu berücksichtigen und als Ressourcen zu sehen (Jenkins & O’Connor, 2006). Dabei ist darauf zu achten, dass Aufgaben in Gruppen mit großen Fähigkeitsgefällen so gestellt werden, dass jedes Gruppenmitglied im Sinne der positiven Abhängigkeit einen wichtigen Beitrag zum Gesamtergebnis liefern kann ohne überfordert zu werden. „In der Regel bedeutet dies, Kindern und Jugendlichen mit kognitiven oder sozialen Beeinträchtigungen weniger komplexe und weniger umfangreiche Teilaufgaben zu geben, ihnen mehr Zeit zur Aufgabenbearbeitung zur Verfügung zu stellen und/oder zusätzliche Hilfestellungen anzubieten (Schniedewind & Davidson, 2000).“ (Büttner, Warwas & Adl-Amini, 2012).

Nicht nur im Leistungsbereich können kooperative Lernformen einen wichtigen Beitrag leisten. Jordan und Le Métais (1997) wiesen bei Grundschulkindern die Entwicklung positiver Schülerbeziehungen durch Kooperatives Lernen nach. Zuvor isolierte Schüler waren stärker integriert und die Bereitschaft der Schüler wuchs in Gruppen auch mit solchen Mitschülern zusammenzuarbeiten, die nicht zu ihrem direkten Freundeskreis zählten.

Das Einüben sozialer Kompetenzen ist integrativer Bestandteil des Konzepts des Kooperativen Lernens. Gerade Schülerinnen und Schüler mit Schwächen im Sozialverhalten und Beeinträchtigungen im kognitiven Bereich benötigen häufig ein gezieltes Einüben sozialer Fertigkeiten zu. Für diese Kinder kann die herausfordernde Aufgabe alleine schon darin bestehen, definierte soziale Kompetenzen zu zeigen, während andere Schüler der Gruppe kognitive Ziele erreichen müssen. Entsprechend wurde z. B. mit Kindern und Jugendlichen mit Autismus gearbeitet.

 

Literatur:

Büttner,G.; Warwas, J. & Adl-Amini, K. (2012). Kooperatives Lernen und Peer Tutoring im inklusiven Unterricht, Zeitschrift für Inklusion, Nr. 1-2

Gibbs, J. (1995) Tribes – A new way of learning and being together, Center Source Systems, Sausolito – Cal.

Jenkins, J. R. & O’Connor, R. E. (2006). Cooperative learning for students with learning disabilities: Evidence from experiments, observations, and interviews. In H. L. Swanson, K. R.

Harris & S. Graham (Eds.), Handbook of learning disabilities (pp. 417 – 430). New York: Guilford Press.

Jordan, D. W. & Le Métais, J. (1997). Social skilling through cooperative learning. Educational Research, 39(1), 3 – 21.

Saleh, M., Lazonder, A. W. & de Jong, T. (2005). Effects of within-class ability grouping on social interaction, achievement, and motivation. Instructional Science, 33(2), 105–119.

Schniedewind, N. & Davidson, E. (2000). Differentiating cooperative learning. Educational Leadership, 58(1), 24 – 27.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere